Interview mit dem Vorstand der SCHUFA

,,Wir sind nicht dazu da, die Leute zu quälen“

Mithilfe der Informationen seiner Firma wird entschieden, ob Menschen einen Kredit bekommen oder nicht:
SCHUFA-Vorstandschef Rainer Neumann. Ein Expertengespräch über Misstrauen

Sie ist wohl eine der am meisten  gefürchteten Firmen in Deutschland: die SCHUFA. Rainer Neumann, gebürtiger Stuttgarter und Diplom – Mathematiker, steht an der Spitze von Deutschlands größter Auskunftei. Immer wieder gerät das Unternehmen bei Verbraucher- und Datenschützern in die Kritik wegen vermeintlich zu großer Neu gier. Neumann regt das auf: Er findet, dass seine Firma der Volkswirtschaft großen Nutzen bringt.

Welt am Sonntag:

Herr Neumann, überprüfen Sie im Supermarkt immer noch mal den Kassenbon?

Rainer Neumann: Eher im Restaurant. Als Statistiker nehme ich Stichproben. Ich gucke mir vielleicht jede 30. Rechnung an und schaue, ob versehentlich der Wein doppelt gebucht wurde.

Sind Sie ein misstrauischer Typ?

Neumann: Überhaupt nicht. Ich gehe immer erst einmal davon aus, dass mein Gegenüber vertrauenswürdig ist. Damit bin ich bisher gut durchs Leben gekommen.

Sie verdienen Ihr Geld mit dem Misstrauen der Deutschen.

Neumann: Ich sehe es andersherum. Stellen Sie sich vor, Sie wollen einen Fernseher für 2000 Euro kaufen und in Raten über zwölf Monate bezahlen. Woher soll der Händler wissen, ob er Ihnen vertrauen kann? Bei der SCHUFA bekommt er wichtige Informationen zu Ihren bisherigen Kreditgeschäften. Wir können in Sekundenschnelle die Entscheidung unterstützen und Vertrauen herstellen. Das hilft dem Wirtschaftskreislauf enorm.

Jeder zehnte Bürger hat einen negativen Schufa-Eintrag. Diesen Leuten machen Sie das Leben schwer.

Neumann: Fünf Prozent der Bevölkerung haben in den letzten drei Jahren finanzielle Schwierigkeiten gehabt, die zu einer eidesstattlichen Versicherung geführt haben, zum Offenbarungseid. Weitere fünf Prozent leben in sehr angespannten Verhältnissen. Wenn Sie einem Betroffenen einen Kredit geben, haben Sie wenig Hoffnung, dass er Ihnen das Geld zurückzahlen wird.  Aber: Wir sind im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht dazu da, die Leute zu quälen. Sondern dazu, dass die restlichen 90 Prozent es bei der Kreditaufnahme leichter haben. Wir führen eine Liste von Menschen, denen man vertrauen kann, und nicht von Menschen, denen man misstrauen sollte.

Die SCHUFA als unverstandener Wohltäter der Volkswirtschaft?

Neumann: Es gibt Untersuchungen der Weltbank, die besagen: In Ländern mit Auskunfteien bekommen mehr Verbraucher Kredite, und das zu günstigeren Konditionen. Je mehr Daten wir über einen Verbraucher haben, desto sicherer und fundierter können Banken Kredite vergeben.  Schauen Sie sich doch an, was in den USA die weltweite Wirtschaftskrise ausgelöst hat. Dort haben ja massenweise Verbraucher Kredite bekommen, die sie sich nicht leisten konnten. Das wäre in Deutschland undenkbar.

Wie kommt Ihre Einschätzung zustande, wie kreditwürdig jemand ist?

Neumann: Wir berechnen einen so – genannten Score oder Punktwert.  Darin fließen Daten wie Ihr Alter ein und Kreditgeschäfte, die Sie getätigt haben. Also etwa, ob Sie eine Kreditkarte besitzen und bisher die Rückzahlungen immer pünktlich geleistet haben. Dann versuchen wir, die Wahrscheinlichkeit einzuschätzen, dass ein Verbraucher einen neuen Kredit zurückzahlen wird. Das funktioniert ähnlich, als wollte man die Regenwahrscheinlichkeit für den nächsten Tag ausrechnen. In ihrer SCHUFA – Auskunft steht dann zum Beispiel: Rückzahlwahrscheinlichkeit von 98 Prozent.

Also wissen Sie auch, wie viel Geld ich verdiene?

Neumann: Nein, nicht wir. Nehmen wir mal an, Sie möchten bei einer Bank einen Kredit über 10 000 Euro aufnehmen, um sich die Wohnung neu einzurichten. Die Bank sammelt drei Datenarten von Ihnen: erstens Ihre Kontoführung der letzten Jahre bei der Bank selbst, falls Sie dort Kunde sind. Zweitens müssen Sie bei der Bank Ihr Einkommen und Ihre regelmäßigen Ausgaben wie Miete angeben.  Und drittens die Daten von der Auskunftei, also zum Beispiel von uns.  Aus diesen 15 bis 20 Variablen errechnet die Bank den Score.

Verbraucherschützer kritisieren, dass Sie die Kreditwürdigkeit auch danach bewerten, in welchem Stadtteil Menschen wohnen.

Neumann: Es kursieren viele Gerüchte über das so genannte Geoscoring. Ich werde oft von Bekannten angesprochen, die sagen: Mensch, ich finde es unglaublich, dass meine Adresse darüber entscheidet, wie kreditwürdig ich bin.

Und?

Neumann: Es gibt Unternehmen, die Geoscores mit Daten zum Wohnumfeld anbieten. Die SCHUFA gehört aber nicht dazu. Ich selbst wohne unter der Woche in Wiesbaden in einer Gegend, in der die Geoscores wahrscheinlich nicht sehr gut sind.  Also: Ja, es gibt Geoscores, aber nicht jedes Unternehmen arbeitet damit. Man muss genau hinschauen, worüber und über wen man schreibt oder spricht.

Das klingt ziemlich aggressiv.

Neumann: Ja, es stört mich schon seit Jahren, dass es sich die Leute so einfach machen und nicht richtig recherchieren und differenzieren.

Erzählen Sie auf Partys überhaupt, dass Sie bei der SCHUFA arbeiten?

Neumann: Ich erzähle es schon und tatsächlich macht das Thema vielen Gesprächspartnern erst einmal etwas Angst. Viele denken zum Beispiel, dass eine geplatzte Lastschrift schon zu einer negativen SCHUFA-Information führt.

Und, stimmt das? Das ist mir nämlich auch schon mal passiert.

Neumann: Nein. Viele Menschen wissen nicht genug über uns, und das schafft Misstrauen. Wir wollen deshalb versuchen, so transparent wie möglich zu sein. Zum Beispiel indem ich mit Ihnen spreche.

Vor wenigen Wochen hat das Bundesverbraucherministerium eine Studie veröffentlicht, der zufolge 46 Prozent lhrer Auskünfte falsch sind.

Neumann: Die Untersuchung hat ganze 100 von den 65 Millionen Menschen untersucht, zu denen wir Daten haben. Eine einzige Dame hat dort offenbar einen negativen Eintrag entdeckt, der nicht stimmen soll. Bis heute haben wir leider nicht erfahren, um wen es sich dabei handelt. Wir würden uns gern um ihr Anliegen kümmern.

Und die anderen Fälle?

Neumann: Alle anderen sogenannten Unkorrektheiten sind Fälle, in denen die Untersuchungspersonen Kredite oder Verträge laufen haben, die in der SCHUFA-Auskunft nicht auftauchen. Das liegt nicht an uns, sondern daran, dass nicht jedes Kredit vergebende Unternehmen in Deutschland uns seine Verträge nennt. Nach dem Kriterium wären meine eigenen SCHUFA-Informationen falsch, weil nicht alle meine Handy Verträge gemeldet sind.

Wie ist denn Ihr SCHUFA-Score?

Neumann: Schon ganz ordentlich.

Als Sie sich bei der SCHUFA beworben haben, wurde Ihr Eintrag geprüft?

Neumann: Ich glaube nicht. Übrigens denken viele Geschäftspartner, die ich zum ersten Mal treffe, dass ich mir vorher ihre SCHUFA-Auskunft anschaue. Das kann ich aber gar nicht. Unsere Computersysteme halten genau nach, wer wann wessen Auskunft angesehen hat. Unsere Mitarbeiter können nicht nach Herzenslust die Profile ihrer Bekannten und Nachbarn studieren, und das ist gut so.

Das Gespräch führte

Anette Dowideit.

 Fahrzeug: Fähre Michael aus der Janssen-Werft
Baujahr: 1969
Leistung: vier Motoren, 830 PS
Fahrstrecke: von Ingelheim nach Oestrich-Winkel
Fahrzeit: 15 Minuten

Quelle: Welt am Sonntag Nr.48, 29. November 2009

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